► www.dkp.de

Wissenschaftliche Weltanschauung in Leverkusen erlebt

14.10.2016

Im September gab es unter Leitung von Dr. Andreas Hüllinghorst ein Wochenendseminar zu Hans Heinz Holz' Schrift "Kommunisten heute". Hier als Vorabdruck aus dem RotFuchs ein Bericht über dieses Seminar.

Wissenschaftliche Weltanschauung in Leverkusen erlebt

„Wer lernen will, kann diskutieren“

Die Karl-Liebknecht-Schule der DKP befindet sich in einem Gebäude der Arbeiterbewegung in Leverkusen. Es wurde Anfang der 30er Jahre als „Volkshaus“ von revolutionären Arbeitern errichtet und von den Faschisten enteignet. Nach 1945 kam das Haus in den Besitz der Kulturvereinigung Leverkusen. Mieter und Hauptnutzer dieser Einrichtung ist die Karl-Liebknecht-Schule. Seit mehreren Jahren gehört die marxistische Bildungsarbeit mit den Genossinnen und Genossen der DKP zu den vorrangigen Aufgaben der Schule. Angeboten werden Wochenend- und Grundlagenseminare über mehrere Tage. Die Schule gibt außerdem der SDAJ Raum für ihre regelmäßigen Zusammenkünfte und ermöglicht Treffen ausländischer Genossinnen und Genossen. Unser „Hausmeister“, Mustafa, sagte einmal: „Haus gehört Arbeiterklasse“. Für mich ist es ein Ort gelebter Solidarität.

Als ich vor sieben Jahren das erste Mal dieses Gebäude betrat, fühlte ich mich dort sofort heimisch. Weil die Schule genügend Übernachtungsmöglichkeiten bietet, geht man nach den Seminaren nicht wieder auseinander. Bei Bier, Wein und guter türkischer Küche sitzen die Genossinnen und Genossen oft lange zusammen, um zu diskutieren und Erfahrungen auszutauschen oder um einfach mal gemeinsam herzlich zu lachen. Mit einem kleinen Streifzug durch unser Seminar vom 17. und 18. September möchte ich etwas von der Atmosphäre hier wiedergeben.

Das Seminar war dem marxistischen Philosophen Hans Heinz Holz gewidmet, der sich die Erforschung und Weiterentwicklung der dialektisch-materialistischen Philosophie zur Lebensaufgabe gemacht hatte und mitbeteiligt war an der Ausarbeitung des aktuellen Parteiprogramms der DKP. Er gehörte bis zu seinem Tod im Dezember 2011 dem „RotFuchs“-Autorenkreis an. Das Seminar gehörte zu der Themenreihe „Politische Philosophie und philosophische Politik“ und gab eine Einführung in Holz’ Buch „Kommunisten heute – Die Partei und ihre Weltanschauung“ (nachzulesen unter http://rotfuchs.net/kommunisten-heute.html). Wie wir erleben durften, ein alles andere als trockener Stoff! Es kommt nämlich darauf an, wie man an Texte herangeht, welche gedanklichen Verbindungen geschaffen werden, was jeder einzelne in die Diskussion einbringen kann. Unser Referent, Andreas Hüllinghorst, bezeichnete die Vorgehensweise, den Text Schritt für Schritt durchzuarbeiten, anfänglich als ein Experiment, schon allein wegen der unterschiedlichen Erfahrungen der Teilnehmer. Aber gerade diese führten zu dem gelungenen und alle bereichernden Seminar. Wir waren selbst erstaunt, was durch gemeinsame Arbeit aus einem philosophischen Text von hohem Abstraktionsniveau herauszuholen ist. Von unserem Schulleiter, Jürgen Lloyd, der Andreas ergänzend zur Seite stand, stammt das als Titel über diesem Beitrag stehende Zitat.

Hans Heinz Holz schrieb das Buch nach dem Scheitern des realen Sozialismus in Europa. Es ging ihm darum, in einer Zeit der Unsicherheit kommunistisches Selbstverständnis wiederzugewinnen und zu zeigen, wie wichtig dabei „die Frage der theoretischen Grundlagen in den kommunistischen Parteien in der Zukunft ist“. Denn wir haben eine Weltanschauung, die uns ermöglicht, selbst dann, wenn eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse noch in großer Ferne liegt, nicht wie ein Blatt im Wind zu stehen. „Politisches Handeln“ heißt nach Holz „gemeinsames Handeln gemäß ein und derselben Idee“, und „Kommunisten werden in ihrem politischen Handeln dadurch bestimmt, daß sie eine in ihren Grundzügen klar umrissene Auffassung von den Bedingungen haben, unter denen sich die Gesellschaft geschichtlich entwickelt hat.“ 

Hier einige Schwerpunkte, die wir im Seminar diskutierten bzw. näher beleuchteten. Dazu gehörte das Thema Bedingungen menschlicher Entwicklung und das Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Die Natur unterliegt Gesetzmäßigkeiten. Wenn mensch das nicht erfaßt, hat das Folgen. Wir klärten Begriffe wie Selbstbewußtsein und fragten: Wie wird Welt erkannt? Worin liegt der Unterschied zwischen Kant und Hegel? Was unterscheidet die idealistische von der materialistischen Philosophie? Es wurde eingehend diskutiert über das Verhältnis zwischen allgemeinen Begriffen und persönlicher Wahrnehmung. Nur dem Menschen ist es gegeben, Sachverhalte anderen nahezubringen, die sie so nicht erlebt haben. Der Text führte uns immer wieder in den politischen Alltag zurück. Meinungen auszutauschen ist etwas anderes als Einschätzungen von Situationen zu geben. Diskussionen sollten von sachlichen Argumenten getragen werden, und kontrovers diskutieren heißt zu versuchen, sich durch Argumente zu verständigen. Dazu benötigen wir oft viel Geduld – auch die Einsicht, daß Fehler machen und Fehler korrigieren zum politischen Alltag gehört. Der dialektisch-historische Materialismus ist eine Weltanschauung und eine wissenschaftliche Methode zur Wahrheitsfindung, deren Blick auf die gesellschaftlichen Veränderungen gerichtet ist. Man denke nur an Marx und die elfte Feuerbachthese!

Was gibt uns die Gewißheit, die richtige Theorie zu  vertreten? fragt Hans Heinz Holz. Seine Antwort ist: allein „die geschichtliche Wahrheit“. Denn das Besondere einer kommunistischen Partei ist, daß ihre Theorie nicht die Interessen irgendeiner Gruppe vertritt, sondern „nur dann kommunistisch ist, wenn sie das Wohl aller anstrebt“. Damit wird die Behauptung aufgestellt, daß Arbeiterinteressen „allgemeine Menschheitsinteressen“ sind. Der Text ist auch ein Appell an uns, diese Theorie nicht einfach aufs Spiel zu setzen zugunsten von Meinungen. Sie wird vielleicht irgendwann unsere einzige Rücklage sein. Die Krise der Partei, so Holz, ist nicht die Krise des Marxismus. Doch wie schwierig ist es, Menschen von der notwendigen Veränderung dieser Gesellschaft zu überzeugen, in einer Welt, in der alle Bereiche des Lebens dem Erhalt des Kapitalismus dienen, dessen Mechanismen nur schwer zu durchschauen sind. Gerade deshalb „erfordern viele neue Entwicklungen in der Welt unsere Antworten“.  

Holz’ Text wirft auch einen Blick auf Lenins Schrift „Was tun?“, die eine Antwort auf Theorien wie die von Bernstein gibt. Durch den Widerspruch zwischen Opportunismus und Dogmatismus in der russischen Sozialdemokratie fand Lenin zu einer für seine Partei neuen Qualität, nämlich dem „demokratischen Zentralismus“. Auch hier warnt uns Holz vor jeder falsch verstandenen Umsetzung des Begriffs innerhalb der Partei, sie dürfe „ihr Konzept aber nicht als vorgegeben übernehmen, auch nicht es sich von ihrer Führung dekretieren lassen, sondern müsse es aufgrund theoretisch sauberer Analysen in ihren eigenen Reihen erarbeiten und dauernd überprüfen.“ 

In unserer Auswertung wurde vor allem die positive Gruppensituation betont. Das Seminar zeigte, daß Denken Freude machen und eine solche gemeinsame Arbeit am Text im Diskutieren schulen kann. Die verschiedenen Erfahrungen der Teilnehmer förderten die Zusammenarbeit. Sie zeigten, wie wir Probleme in der Partei auflösen können. Das Seminar bestätigte den Bedarf, so einen theoretischen Text immer wieder aus der Praxis heraus zu diskutieren. Mit Jürgen Lloyds Worten möchte ich meinen Beitrag beenden: „Diskussionen sind Gradwanderungen, wir sollten schweifende Diskussionen zulassen, um Situationen des gegenseitigen Lernens entstehen zu lassen. Das Seminar hat gezeigt, welche Aufgabe der Schule zukommt, daß sie eine Parteiaufgabe hat.“

Abschließend noch eine Bemerkung. Die Teilnahme an den Seminaren ist nicht nur DKP-Mitgliedern möglich. Die Schultüre steht allen Sozialisten und Kommunisten offen, die mit anderen diskutieren und etwas dazulernen möchten. Keine Angst: Das Angebot ist sehr breit und nicht nur philosophisch!

Ulla Ermen, Königs Wusterhausen

---

Der Bericht ist ein Vorabdruck aus dem RotFuchs Dezember 2016. Wir danken den Genossinnen und Genossen des RotFuchs für die Erlaubnis zur Wiedergabe!

 


Zurück