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Robert Steigerwald

01.07.2016

Robert Steigerwald ist gestorben. Er war als "Lehrer von drei Generationen deutscher Kommunisten" auch der Karl-Liebknecht-Schule eng verbunden. Als Lehrer hat er in früheren Jahrzehnten viele Lehrgänge geprägt. Mit Hinweisen hat er bis zuletzt unsere Arbeit begleitet. Wir danken mit einem Ausschnitt aus einem Text von 2010.

Robert Steigerwald

Es geht also schon darum, sich zu fragen, wie kriegt man den Marxismus nicht nur in den Kopf, sondern auch ins Herz? Muß man dazu religiös werden? Ich kann versichern, ich bin so a-religiös, wie man es nur sein kann, aber den Marxismus habe ich nicht nur im Kopf. Wie aber ist das zugegangen, daß er auch mein Herz erreichte?

Dazu muß man auf zwei Wesenseigenschaften des Marxismus zu sprechen kommen, nämlich darauf, daß der Marxismus als Theorie der Arbeiterklasse und ihrer möglichen Verbündeten zur Überwindung des Kapitalismus notwendig eine kämpferische, eine polemische Theorie ist, daß alle Grundwerke des Marxismus Polemiken darstellen, daß man sich also immer fragen sollte: Im Kampf wogegen und wofür ist dieses Werk entstanden? Und das bedeutet dann auch, daß der Marxismus einen prinzipiell historischen Charakter, eine Geschichte des Kampfes verinnerlicht hat: Der Marxismus weiß, nichts wird wirklich verstanden – nicht der Staat, nicht die Ausbeutung, nicht der Reformismus oder Anarchismus, nicht der Faschismus und der Krieg, wenn man nicht weiß, wie –, in welchem Kampf – so etwas entstanden, wie es zu dem geworden ist, das es jetzt darstellt.

Aus dem kämpferischen Charakter des Marxismus folgt, daß wirkliche Aneignung des Marxismus, also solche, die auch das Herz erreicht, nicht allein oder vorrangig durch Bücherwälzen und intellektuelle Schaukämpfe erfolgt, sondern diese Aneignung mit der Teilnehme am Kampf gegen das Kapital stattfinden muß. Keine Theorie ohne Praxis. Aber auch keine Praxis ohne (richtige!) Theorie. Nur, was im Kampf erworben wurde, wofür man sich einsetzen mußte, wofür man es unter Umständen auch mal mit dem Polizeiknüppel zu tun bekommt oder anderweitig Schaden erleidet, setzt sich auch fest, dringt in das eigene Wesen ein.

aus: "Bücherlesen reicht nicht - Eine Marxismus-Diskussion sollte mehr sein als ein Wissenschaftlerstreit", in uni spezial, Beilage der jW vom 19.05.2010

 


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